Die Reinheit des Schmerzes.

Ein Gedicht geboren aus einer Erfahrung vor langer Zeit. Vielleicht vermag es zu berühren, zu trösten, zu inspirieren. 

Ich fühle den Schmerz.
Bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele, bis in das Herz meiner Tränen. Gebe dem Verlust Raum,
lasse zu, dass er sich ins Unendliche ausweitet, gleite hinein in diese Unendlichkeit, schwebe darin.
Der Verlust des gemeinsamen Traums, der gemeinsam gelebten Liebe, der Lebendigkeit des miteinander Seins, der Freude des miteinander Seins.
Ich fühle genau jeden einzelnen Strang meines Verlustes und zerfließe darin.
Ich lasse zu, dass meine feste Struktur sich auflöst, sich verteilt ins Unendliche und entdecke dabei, dass ich in dieser Unendlichkeit aufgehoben bin, geborgen, und gehalten werde von der allEinen Kraft die alles hält, die alles trägt. Auch mich in diesem unfassbaren Schmerz.

Ich finde Trost darin, dass der andere nichts getan hat „um zu …“. Mich zu verletzen, mich zu verraten, mich gering zu schätzen… Alles was ich auf mich beziehe, entspringt meiner inneren Welt, nicht seiner. Für meine innere Welt bin nur ich verantwortlich, ich bin diejenige die Schmerz mit Verletzungen verwechselt.
Die den Verrat darin sieht, dass der andere den einst gemeinsamen Traum, den einst gemeinsamen Raum für sich verlassen hat.
Denn in Wirklichkeit verließ er ihn aufgrund seiner inneren Welt. Diese innere Welt, die nichts mit mir zu tun hat, die ihre ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten hat, die sich mir nicht erschließen müssen.
Die innere Welt des anderen zu respektieren, zu sehen und zu ehren hilft mir in diesem Schmerz, der jenseits allem Vorstellbaren geht, liebevoll zu fühlen, dass der andere mich nicht verletzen wollte, dass ich es nicht persönlich nehmen oder auf mich zu beziehen brauche.

Das führt mich zur Reinheit und Schönheit meines eigenen Schmerzes. Dieser Schmerz der nur der meine ist und darin einzigartig. Er führt mich an die Quelle meiner eigenen Sehnsüchte, meiner eigenen Bedürfnisse, meiner eigenen Bedürftigkeit.
Mich zu erinnern, dass ich für meine Sehnsüchte, meine Träume, meine Bedürfnisse, die alle Teil meiner inneren Welt sind, selbst verantwortlich bin, bringt mich zu meiner wahren Macht.
Niemand kann meine innere Welt verändern, kann mir all das geben, wonach ich mich sehne – außer ich selbst.

Und so ahne ich mit dem zartesten Hauch des Frühlingsdunstes, dass ich allein die Erfüllung meiner Träume, meines Lachens, meiner Sehnsüchte bin.
So nehme ich mich selbst behutsam, sanft, liebevoll in die Arme, um geborgen und geliebt den gemeinsamen Traum, den gemeinsamen Raum loszulassen.
Die Tränen in meinen eigenen Armen darüber zu weinen, was nun alles nicht mehr gemeinsam möglich ist, sein wird. All das gemeinsam Erlebte, dessen Wiederholung ich mir bis in alle Unendlichkeit gewünscht hätte, weil ich darin glücklich war.
So weiche ich meinem Schmerz nicht aus, lasse zu, ihn in all meinen Zellen zu spüren, was mich überwältigt. Stemme mich nicht dagegen, sondern fließe damit in diesem breiten, wilden, ohnmächtigen Strom.

Ahne die Erinnerung an die Orte, die so mit unserer Essenz des gemeinsamen Erlebens erfüllt sind.
Ahne die Aufgabe, unsere Essenz daraus zu extrahieren, um sie als kostbare Erinnerung und Seelennahrung aufbewahren zu dürfen.
Dafür braucht es Zeit. Diese Erfahrung aus Angst vor dem Schmerz zu übergehen, würde den wirklichen Verlust von allem Wertvollen bedeuten, das wir uns in großer Liebe schenkten.

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