Die wilde, archaische, feminine Ur-Kraft in uns annehmen und integrieren.

Wenn wir uns der Aufgabe stellen, unsere diversen Traumata aufzulösen und in die Heilung zu bringen kann es durchaus sein, dass wir trotzdem wie eine Art Leere, ein Fehlen einer Ressource in uns spüren. Obwohl wir vielleicht schon viel an uns selbst gearbeitet haben mögen, fehlt uns der Antrieb, der Fokus, eine Kraft, um wirklich zu neuen Horizonten aufbrechen zu können. Horizonte, die evolutionär sind und die wir uns deshalb nicht vorstellen können, denn wenn etwas wahrscheinlich erscheint, ist es schon nicht mehr evolutionär.

Tief in unserem Inneren mögen wir spüren, dass es eine brachiale Kraft bräuchte, um wirklich zur Erfüllung unserer Träume durchzudringen. Doch diese Kraft erscheint fast schon unmoralisch und ist mit allerlei Tabus belegt. Denn in unserer monotheistisch geprägten Gesellschaft, die zudem durch die Dualität in Gut und Böse unterscheidet, wird das Lichte, Reine, Sanfte, Duldsame und in purer Liebe Schwebende idealisiert bis glorifiziert. Da wird eine dunkle, wilde, unzähmbare Kraft leicht als böse bis teuflisch verurteilt und deshalb abgelehnt.

Die Kraft im Schatten

Tatsächlich existiert jedoch in jedem von uns genau diese Kraft. Da wir so sehr kulturell, gesellschaftspolitisch und religiös geprägt sind, diese Kraft Dals „böse“ zu verdammen, verweigern wir uns ihr und verdammen sie dazu, um mit dem Tiefenpsychologen C.G. Jung zu sprechen, „in den Schatten zu gehen“. Als Schatten gilt alles, was wir im Bewusstseinszustand abgelehnt und in unser Unbewusstes – bei den Schamanen auch als die Unterwelt bezeichnet – verbannt haben, weil es im täglichen Leben als nicht adäquat, störend oder verurteilenswert betrachtet wird. Doch in den Schatten abgeschobene Qualitäten entwickeln eine Eigendynamik. Da sie von unserer Seele, die nicht wertet, als wertvoll erachtet werden, schlummern sie in uns und brechen sich genau dann eine Bahn, wenn wir sie am wenigsten brauchen können. Das ist der Moment, an dem Du vielleicht wegen einer scheinbaren Kleinigkeit ausflippst. Das kann genau dieser zynische Kommentar sein, den Du in einer Konfliktsituation loslässt. Das kann eine völlig unangemessene Reaktion auf eine von Dir als Respektlosigkeit wahrgenommene Situation sein. Es kann das strenge Setzen von Grenzen sein, Erst fühlst Du Dich gut, denn Du bist mit Deiner Ur-Kraft in Verbindung gekommen. Danach gehst Du in die Bewertung bis Verurteilung oder wirst von anderen zurechtgewiesen und fühlst Scham, Abgelehnt sein, Versagen. Oftmals wird in spirituellen Kreisen dann die Kali bemüht: „Du hast Deine Kali nicht im Griff“, „lass‘ doch Deine Kali mal los“, „Du solltest Dir wirklich mal Deine Kali Reaktionen ansehen“. Damit wirst Du in die Ecke gestellt, dass Du eben nicht so erleuchtet, so friedfertig, so licht bist, wie jene, die sich so gut unter Kontrolle zu haben scheinen. Also arbeitest Du nochmals weiter an Dir, um die Ursachen dieser scheinbaren Kali Energien aus Dir herauszuholen und in den Frieden, das Licht zu bringen. Doch in Deine wahre Kraft kommst Du deshalb immer noch nicht.

Doch warum wird das „Lichte“ so glorifiziert und das „Dunkle“ als so negativ bewertet?

Tatsächlich wurde im Altertum das Dunkle oder Schwarze mit der Weisheit gleichgesetzt. Noch in den frühen christlichen Zeiten brachten die Templer und Kreuzritter die Schwarze Madonna aus dem Orient nach Europa und diese wurde hier besonders verehrt. Die Schwarze Madonna war übrigens ein Ausdruck der Großen Göttin Isis. Der Kult um die Schwarze Madonna war der katholischen Kirche jedoch zunehmend ein Dorn im Auge, denn die damit verbundene Weisheit, die Kraft und Magie über das eigene Leben war nichts, was die Kirchenväter dem gemeinen Volk zugestehen wollten. Als die Pest auftrat wurde sie unter anderem als Strafe Gottes dafür deklariert, dass die Schwarze Madonna von den Heiden eingeführt wurde, deshalb auch der schwarze Tod. Und schon war die Dämonisierung des Dunklen geboren und ist bis heute fest im kollektiven Bewusstsein verankert.

Der große Poet und Weisheitslehrer Robert Bly schreibt in seinem Buch „A little book on the Human Shadow“: „If any help was going to arrive to lift me out of my misery, it would come from the dark side of my personality“. Was übersetzt bedeutet: „Wenn mich irgend etwas aus meiner Misere herausheben könnte, würde es von der dunklen Seite meiner Persönlichkeit kommen.“ Ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht – die archaische, dunkle Urkraft ist in jedem von uns vorhanden. Wenn wir sie bekämpfen, ihren Schatten als „Kali-Energie“ abtun und verurteilen, dann können wir uns vielleicht im „Licht“ sonnen, aber unsere eigene tiefe Weisheit, unsere eigene Quelle der Kraft bleibt uns verwehrt. In den buddhistischen Lehren wird diese Energie als Dakini bezeichnet. Auch hier gibt es eine große Bandbreite diverser Dakini Energien. Die Dakini Energie, die sich in unserem Unbewussten hält, die es anzunehmen und zu meistern gilt, kann mit der femininen Energie, die C.G. Jung als Anima bezeichnet, gleichgesetzt werden. Die Dakini Energie in ihrer Gesamtheit reicht von den dunkelsten Plätzen im Bauch von Mutter Erde wo sie auf Gräbern tanzt, eine Kette aus Schädeln und Knochen auf ihrem nackten Leib trägt bis hin zu den lichtesten Sphären der höchsten Dimensionen, in den schamanischen Traditionen auch als 5. Welt der Kristallstädte und Kristallpaläste bezeichnet.

Wie jedes Gebäude ein Fundament braucht, ist die Dunkle Dakini Energie unabdingbar, um in unsere Ganzheit zu kommen. Wenn wir diese dunkle, archaische Kraft in uns nicht nur akzeptieren, sondern sie als essentiellen Teil unserer Persönlichkeit wertschätzen lernen, dann wird sie ihr Schatten-Dasein verlassen können und uns für unsere Manifestationskraft unschätzbare Dienste leisten. Die Dunkle Dakini Energie hat nichts mit „schön zurecht gemacht“ zu tun. Sie ist wild, unzähmbar und sie war und ist in autochtonen, indigenen Kulturen ein fester Bestandteil von Ritualen und Zeremonien. Der Maori Haka Tanz, auch als Tanz des Lebens bekannt, ist solch eine Ausdrucksform der Dunklen Dakini. Er zeigt auf eindrucksvolle, wunderbare Weise, wie kraftvoll, wild und gleichzeitig anmutig die Dakini Energie ist, wenn sie zelebriert und geehrt wird.

Meditationsreise

Wie Du mit Deiner ureigenen, archaischen Dakini Energie in Kontakt kommen kannst?

Am besten suchst Du Dir einen Platz in der Natur, an welchem Du ungestört bist. Trage bequeme Kleidung, die Du – wenn Dir danach ist – auch ablegen kannst. Stelle Dich barfuß auf die Erde, Deine Handflächen zeigen nach unten. Über Deine Fuß- und Handchakren und über Dein Wurzelchakra gehst Du nun ganz bewusst in Kontakt mit dem Energie- und Frequenzfeld von Mutter Erde. Du visualisierst, dass im Bauch der Mutter Erde auch Dein eigenes Unbewusstes, Deine Unterwelt, geborgen zuhause ist. Du durchdringst die saftige warme Erde, weiter hinein vorbei an einem unterirdischen Felsbett, immer tiefer hinein in das Erdinnere, bis Du zu einem unterirdischen Fluss kommst. Hier legst Du Dich hinein und lässt die heiligen Wasser der Mutter Erde alles von Dir fortwaschen, was nicht in die Unterwelt gehört. Der Fluss trägt Dich spiralförmig nach unten, immer tiefer in den Bauch der Mutter Erde, bis Du an ein sandiges Ufer gespült wirst, Deinem persönlichen Garten Eden in Deiner Unterwelt. Hier rufst Du den Hüter der Unterwelt, in unserer Kultur entspricht das der Persephone, in den andinen Kulturen wird dieser auch Huasgar Inka genannt. Achte darauf, wie Dein Hüter, Deine Hüterin Deines Unbewussten, Dir erscheint. Männlich, weiblich, jung, alt, Fabeltier? Du bittest Persephone oder Huasgar Inka, Dir Deine Dakini Energie zu zeigen, damit Du mit ihr tanzen, ja, Dich von ihr tanzen lassen kannst.

Die Dakini erscheint, meist ist sie schwarz, eine Tänzerin, nackt weil unverdorben und rein in ihrer Energie. Sie ist kein junges, schüchternes Mädchen sondern eine ausgereifte, völlig in alle Aspekte der Erleuchtung erwachte Energie. Lass‘ Dich von ihr führen, lerne sie kennen. Genau so, wie Du eine Geliebte, einen Geliebten kennenlernen und erforschen möchtest, so brauchst Du auch Deine Zeit, um mit Deiner ureigenen Dakini Energie ganz vertraut zu werden, bis hin zum Einssein.

Wenn Du das Gefühl hast, dass Du für heute mit ihrer Energie gesättigt bist, dann bedanke Dich bei ihr, bedanke Dich bei Deinem Hüter/Deiner Hüterin der Unterwelt und begebe Dich wieder zum unterirdischen Fluss, der Dich nun spiralförmig hinauf tragen wird. Du kommst an die Stelle, an der Du einst in diesen Fluss gestiegen bist und hier wird alles von Dir fortgewaschen, was Dir in Deiner bewussten Welt nicht dient. Nun steigst Du weiter hinauf, vorbei an dem unterirdischen Felsbett, vorbei an den Wurzeln der Großen Bäume, dringst durch die warme, saftige Erde bis Du wieder ganz auf dem Erdboden stehst und im Hier und Jetzt angekommen bist.

Natürlich kannst Du diese Reise auch in Deinen eigenen vier Wänden vornehmen….

Je mehr Du mit Deiner dunklen Dakini Energie ohne Vorbehalte, auch ohne Angst, umzugehen lernst, je mehr Du sie befragst, wie sie Dir helfen kann, desto schneller erschließt Du Deine ureigene Quelle der Kraft und Weisheit in Dir.

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